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Wohlstand ohne Wachstum

Ein bekanntes Gesicht aus der gerade entstandenen Disziplin des »Transformationsdesigns«, ist Prof. Harald Welzer. Dieser Artikel von Welzer erklärt, warum klassische Wachstumspolitik für unsere Gesellschaft ähnlich sinnvoll ist wie die Neuentwicklung eines Bananenschälgeräts:
Wohlstand ohne Wachstum. Artikel aus dem Programm des Deutschlandfunks (1. Januar 2010)

Hier einige Zitate daraus:

Die politischen und ökonomischen Eliten sehen ihr Heil nach wie vor in der Erzeugung von Wachstum — dabei ist keineswegs sicher, ob die Fortschritte der letzten 50 Jahre auf Wachstum oder nicht eher auf Bildung, Gesundheit und Kommunikation zurückgehen.

Unendliches Wachstum ist in einer endlichen Welt nicht möglich. Diese schlichte Einsicht, die Kindern weniger Schwierigkeiten macht als Ökonomen, wird gegenwärtig durch eine ganze Reihe von Endlichkeiten deutlich: der Energievorräte, der Umweltbelastbarkeit, der biologischen Ressourcen, der Traglast des Planeten.

Der Generationenvertrag ist radikal gebrochen; das Motto des 21. Jahrhunderts lautet: »Unsere Kinder sollen es mal schlechter haben als wir!«

Das Rezept der sogenannten Realpolitik gegen alle Probleme der Gegenwart besteht im wiederholten Sprechen eines magischen Worts: Wachstum.

Seit drei Jahrzehnten verzeichnen wir das Phänomen des »jobless groth«, Wirtschaftswachstum bei konstanter oder steigender Arbeitslosigkeit. Und die Theorie behauptet unverdrossen, dass Wachstum (und nur Wachstum) Arbeitsplätze schaffe. Auch die weltweite Armut ist durch das Wachstum der Weltwirtschaft keineswegs beseitigt worden.

Nur wer anders denkt, kann anders wirtschaften.

Kein Mensch, der in Europa aufgewachsen ist, käme heute mehr auf die Idee, dass Dinge wie Einbahnstraßen, Zebrastreifen, Autobahnen, Ampeln, Parkuhren usw. sukzessive mit der Automobilisierung gewachsene und daher historisch junge Einrichtungen unserer Lebenswelt sind: die erste deutsche Ampel leuchtete 1924 in Berlin, die ersten Zebrastreifen wurden 1952 in München auf die Straße gemalt, die ersten Parkuhren führte Duisburg 1954 ein.

Das andere Leben ist kein ärmeres Leben

Die kollektive Vergesslichkeit, dass unsere Umwelten von uns selbst gemacht und die in ihnen geltenden Regeln von uns bestimmt werden, lässt den Status quo fatalerweise immer als den erscheinen, der den Referenzpunkt für jede Form von Veränderung abgibt. Deshalb wird Veränderung umstandslos mit Verzicht gleichgesetzt, wodurch in dem Augenblick, in dem man »Verzicht« sagt, der Status quo als ein Optimum erscheint, an dem um Gottes willen nicht herumgeschraubt werden darf.

Aber gerade der Status quo ist mit einer Fülle von Verzichtsleistungen erkauft – den Verzicht etwa auf keine Lärmbelästigung, wenn man in der Stadt, an befahrenen Straßen oder in Einflugschneisen von Flughäfen wohnt, den Verzicht auf Gesundheit, wenn man einer gesundheitsgefährdenden Tätigkeit nachgehen muss, den Verzicht auf Kinder, wenn die Karriere‐ und Mobilitätsmuster keine Vereinbarkeit von Beruf und Familie erlauben.

Um Veränderung als positiv definieren zu können, muss wieder die schon lange nicht mehr gestellte Frage aufgeworfen werden, wie wir eigentlich leben wollen, wie unsere Gesellschaft, sagen wir, im Jahr 2025 aussehen soll.

So weit sollte das Erbe der Aufklärung schon noch reichen, dass man nicht Wachstumspredigern und Fortschrittsaposteln folgt, ohne sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen.

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