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Medien- und Quellenkritik: Wie man Bullshit von nützlichen Informationen unterscheidet.

Ein besorgtes Familienmitglied hat mir heute ein Mail mit dem Betreff »Presse verschweigt Gruppenvergewaltigung in Freiburg« weiter geleitete. Der / die Autor*in schreibt darin über angebliche politische Skandale, Kriminalität von Migranten und die »Korruption der Medien«. Genutzt wird dafür eine recht gebildet klingende Sprache, gewürzt ist der Text mit diversen »Quellenangaben«, angeblichen Fakten und Links zu Medienberichten.
Von diesem Beispiel ausgehend, habe ich diesen Text verfasst. Denn das Mail einfach nur für mich als »Demagogie« abzustempeln und zu ignorieren, hätte meinem besorgten Familienmitglied ja offensichtlich auch nicht weiter geholfen.

Hassposts, Verschwörungstheorien, rassistische Theorien, populistische Foren‐Diskussionen und die rechte Szene in Social Media — das Internet quillt über davon. Das Problem: Nicht immer ist der Bullshit so einfach von nützlichen Informationen zu trennen.

Zunächst gilt bei jeder Berichterstattung, egal woher sie kommt: Da wir meistens nicht die Zeit haben, selbst ausführlich zu recherchieren, sollten wir sehr vorsichtig sein, wenn wir Infos beurteilen oder gar weiterschicken.
Eine umfassende Beurteilung, was davon Bullshit ist und was »wahr« ist, ist besonders bei polarisierenden Themen sehr aufwändig. Wenn man es sorgfältig machen wollte, müsste man sehr viel Zeit investieren, lange recherchieren, verschiedene voneinanderunabhängige Quellen (Polizeiberichte, Medienberichte, Zeugen vor Ort, …) vergleichen und sich dann eine eigene Meinung bilden.

Hier aber ein paar Indizien die helfen, Demagogie oder Verschwörungstheorien zu erkennen:

  1. Polarisierung: Es gibt mindestens einen (verborgenen) Gegner (SIE), der den eigenen Leuten (UNS) heimlich Böses zufügt.
  2. Angriff auf unsere Werte: SIE wollen UNSERE wichtigsten Werte zerstören. Vielleicht beherrschen SIE auch heimlich die Welt, zerstören das Klima, untergraben die Freiheit, manipulieren die Berichterstattung oder knebeln das Internet.
  3. Schuldzuweisungen: SIE sind (heimlich) für bestimmte Ereignisse, Vorgänge, Katastrophen oder Verbrechen verantwortlich.
  4. »Einfache« Lösungen: Obwohl es sich um ein komplexes Problem handelt, bietet der Autor eine angeblich ganz einfache Lösung an.
  5. Aufforderung zum Kampf: SIE müssen bekämpft werden, bevor SIE noch mehr Unheil anrichten.
  6. Unmengen an Scheinfakten: Geradezu pedantisch wird der Leser mit irgendwelchen angeblichen Zitaten und Pseudo‐Fakten bombardiert, so dass er garnichtmehr verstehen kann, was woher kommt, und was damit eigentlich belegt werden soll.
  7. Aggressiver Tonfall oder verwirrte Schreibweise: Der Autor benutzt offensichtlich aggresive / hetzerische Ausdrücke oder schreibt so verwirrend, dass man seinen Argumentationsketten kaum folgen kann.
  8. Rundumschlag und Vermischung von Themen: Oft wird nicht nur ein Thema behandelt, sondern vieles miteinander vermischt. Es erfolgt ein Rundumschlag gegen alle Beteiligten, die angeblich in den Skandal verwickelt sind (Polizei, Behörden, Medien, Politik, …). .
    Durch die Vermischung der Themen verliert der Text jegliche Glaubwürdigkeit und jeden Nutzen. Wer die halbe Welt oder weitgehend unabhängig voneinander agierende Gruppen beschuldigen muss, um seine eigenen Theorien und Positionen zu belegen, sollte sich die Frage stellen, ob nicht vielleicht doch die eigene Wahrnehmung daneben liegt.

Nützliche Fragen bei der Beurteilung von Medienberichten / Online‐Texten sind:

- Woher kommt der Text und vertraue ich der Quelle?
Ich kann einer Quelle z.B. eher vertrauen, wenn ich sie schon lange kenne, weiß, wer hinter ihr steht, wie sie organisiert ist, woher sie Geld bezieht, … oder wenn sie mir z.B. bei anderen Themen schonmal sinnvolle und nützliche Infos gegeben hat, die sich auch für mich bewahrheitet haben.

- Welches Ziel wird damit verfolgt, welche Interessen verfolgt der Autor?
Wenn man festgestellt hat, welchem (politischen) Lager der Autor vermutlich angehört, welche (politische) Agenda er verfolgt und was er mit seinem Text erreichen will, kann man die Aussagen besser auf Einseitigkeit und Befangenheit überprüfen.

- Ist der Text konstruktiv oder destruktiv?
Diese Frage ist für mich besonders wichtig: Wenn mir ein Autor in seinem Text einen guten (= gewaltfreien, menschenwürdigen und der Komplexität des Problems gerecht werdenden) Lösungsansatz für alle beteiligten Gruppen eines Problems bietet, bin ich eher geneigt ihm zu glauben. Wenn er sich nur aufregt und andere an den Pranger stellt, ist der Text meistens nutzlos.

Ich hoffe, diese Überlegungen sind für den ein oder anderen bei der künfitgen Beurteilung von Berichten und Quellen nützlich.
Denn die Welt ist nicht schwarz‐weiß, es gibt kaum absoluten Wahrheiten. Wir alle konstruieren uns unsere Realität selbst. Und diese Erkenntnis kann insbesondere im Dschungel des Internets schnell sehr anstrengend werden… 🙂

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